Anti-Cafés – was hinter dem Konzept steckt

Wie der Name schon verrät, ist ein Anti-Café im Ursprung nichts anderes als ein gewöhnliches Café. Ein Ort, der Sitzplätze, Essen und Getränke anbietet. Der öffentlich zugänglich ist und an den sich jeder nach freier Wahl während der Öffnungszeiten begeben kann, um einen Kaffee zu trinken.

Der maßgebliche Unterschied zu dem klassischen Café-Konzept ist jedoch, dass die Kunden nicht etwa pro Getränk oder anderen dort bestellten Köstlichkeiten bezahlen. So wäre es in einer klassischen Gastronomie üblich. In einem Anticafé wird jedoch pro Zeit gezahlt, die man dort verbringt.

Das heißt: ein Gast hat die Möglichkeit sich in das Café zu setzen und soviel Kaffee, Tee, Wasser und was sonst noch angeboten wird, zu sich zu nehmen wie er möchte. Anschließend zahlt er für die Zeit, die er dort verbracht hat. Man könnte auch sagen, ein  ‚ALL-YOU-CAN-DRINK’ pro Zeit.  Sinn und Zweck dessen ist jedoch nicht, dass man wie bei einem klassischen ALL-YOU-CAN-EAT-Konzept eine riesige Auswahl an Getränken und Speisen vorfindet, und somit den Vorzug genießt, möglichst viel und von allem probieren zu können. Die Idee dessen ist, eine Räumlichkeit zur Verfügung zu stellen, in der zusätzlich die Möglichkeit geboten wird, einen Kaffee zu trinken. 

In einem Anticafé wird pro Zeit gezahlt, die man dort verbringt.

In den meisten Fällen geschieht das Ganze auf der Basis von Selbstbedienung, so kann sich jederzeit genommen werden, was man mag. Durch den damit verbundenen, eher niedrigen Aufwand seitens des Betreibers, sind die Preise an dieser Stelle sehr human. Damit richtet sich dieses Konzept an diejenigen, welche eine Örtlichkeit außerhalb des Eigenheims suchen, die gut geeignet ist, um sich auszutauschen, ein Buch zu lesen oder zu arbeiten. Mit der Zeit haben sich viele der Konzepte aber besonders zum Arbeiten herauskristallisiert.

Aus diesem Grund wird im Regelfall auch immer ein zuverlässiges WLAN-Netzwerk sowie Steckdosen zur Verfügung gestellt. Die dort anzutreffenden Personen sind oftmals Selbständige, digitale Nomaden, Studenten und Kreative, die einen preiswerten und bequemen Ort suchen, um ihre Arbeit zu erledigen und andere Leute zu treffen.  Dabei wird zwar auch ein Café oder anderes Getränke konsumiert bzw. auch mal eine Kleinigkeit gegessen, dies steht aber nicht zwingend im Vordergrund.

Anti-Cafés  – woher sie kommen

Ursprünglich in den USA entworfen (Das Konzept der Abrechnung nach Zeit existiert in einigen Ländern schon seit Jahrzehnten, z.B. in Bolivien und in Süd-Ost-Asien) ist das Konzept erstmals kommerziell in Russland betrieben worden.

Nach und nach wurden weitere unabhängige Anti-Cafés weltweit eröffnet. Mittlerweile gibt es rund um den Globus viele solcher Anti-Cafés. In Deutschland sind Einrichtungen wie beispielsweise das ‘be´kech’ in Berlin oder die ‘klokke’ in Mannheim jedoch noch recht einzigartig.

Wie das Anti-Café nach Deutschland kam

Gründer dieser neuen Szenecafés sind oftmals diejenigen, die mit der aktuellen, räumlichen Arbeitssituation unzufrieden sind und sich dabei selbst eine Alternative schaffen möchten. Die Möglichkeit in einem Café arbeiten zu können klingt für sie verlockend, doch der Umstand im Café zu arbeiten und ständig aufgefordert zu werden, doch noch einen Kaffee zu bestellen, leider eher weniger.

Anti-Café nicht gleich Anti-Café

Die Gestaltungsmöglichkeiten eines solchen Cafés, sind wie bei jedem anderen, sehr weitreichend. Es gibt nicht das ‘eine Anti-Café’, auch wenn das Grundkonzept, “Bezahlen nach Zeit, nicht nach Konsum”, immer dasselbe bleibt. Sowohl die Umsetzung als auch die Einrichtung und das Angebot können variieren.

Umsetzung

Im ‘be´kech’ in Berlin beispielsweise bekommt jeder Gast bei Ankunft einen kleinen Zettel, auf dem die Ankunftszeit vermerkt ist. Eine Minute im ‘be´kech’ kostet dann fünf Cent. Kaffee, Getränke, Snacks und freies WLAN – alles im Preis enthalten. Beim Verlassen des Cafés wird auf Basis der Ankunftszeit, die Aufenthaltsdauer auf Minutenbasis abgerechnet.

Andere Cafés haben das schon ein wenig weiter professionalisiert. Dort angekommen bekommt man eine kleine Chipkarte in die Hand gedrückt, ggf. das Konzept erklärt, falls es einem neu sein sollte, und anschließend kann man loslegen. Fertig gearbeitet, geht man wieder an die Theke, gibt seine Chipkarte mit integriertem Time-Tracking ab und bezahlt für die dort verbrachte Zeit auf Minutenbasis. Ein gängiger Preis in Café-Filialen in Großstädten, sind hierbei fünf Euro pro Stunde. 

Angebot

Auch die Ausgestaltung des Angebots ist unterschiedlich. Bei einzelnen heißt es beispielsweise: „Eigenes Essen willkommen“, viele bieten neben Café und Wasser aber auch selbstgemachte Limo- Getränke, sowie ein kleines Buffet mit Dingen wie frischem Brot, Aufstrich, Müsli, Obst, Gemüse und Keksen. Am Buffet kann sich jeder Gast bedienen. 

Einrichtung

In Fragen der Einrichtung sind sich die meisten Besitzer sehr einig. ‘Das Café soll ein Zuhause sein’ – so lautet oftmals die Prämisse eines Anti-Café-Betreibers. Es soll die Möglichkeit bieten, sich für wenig Geld außerhalb der eigenen Wohnung aufzuhalten, um z.B. ein Buch zu lesen oder sich mit Freunden zu treffen. Der Gemütlichkeitsfaktor spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Aus diesem Grund sind Polstermöbel, wie Sessel, Sofas und Sitzsäcke oder gerne auch mal einem Teppich auf dem Boden, nicht gerade unüblich. Abgerundet wir das ganze meist mit Zimmerpflanzen.

Und was hat das jetzt mit dem ‘New Normal’ der Arbeitswelt zu tun ?

Es ist wohl unstrittig bewiesen, dass sich die Arbeitswelt in Zeiten von Corona, maßgeblich verändert hat. Genauso ist bereits jetzt absehbar, dass wir nicht mehr in die alten Gewohnheiten zurückkehren werden. Die Frage des ‚Warum ins Büro fahren, wenn ich doch auch remote arbeiten kann‘ ist seitens der Büromitarbeiter viel zu groß, als dass Arbeitgeber weiterhin von ihren Mitarbeitern verlangen könnten, 5 Tage die Woche ins Büro zurückkehren.

Es müssen also alternative Arbeitsorte gefunden oder geschaffen werden!

Warum denn dabei nicht auch das Café ums Eck mit in Betracht ziehen? Wem dies heute immer noch als eine Art Utopie erscheint, der sollte vielleicht einmal bei unseren Übersee-Nachbarn in der USA vorbeischauen.

Während es dort schon Gang und Gäbe ist, auch einmal aus dem Starbucks heraus zu arbeiten, und sich neben weiteren Remote-Workern mit Notebook und Kopfhörern zu platzieren, sind wir in Deutschland in diesem Punkt noch eher verhalten. Woran das liegt, kann viele Gründe haben. Einer ist mit Sicherheit, dass während in anderen Regionen die kostenlose WLAN-Nutzung zum Kaffee schon als eine Selbstverständlichkeit gilt, man in Deutschland die Gastronomen mit frei zugänglichem WLAN-Netzwerk noch eher suchen muss.

Hat man sie dann gefunden, sind die Login-Seiten oftmals schlecht gestaltet, der Zugangscode muss erfragt werden oder die Verbindung ist zu langsam und schnell überlastet. Eine Alltagstauglichkeit zum zuverlässigen Arbeiten aus dem Café heraus, erscheint daher noch in ferner Zukunft. Doch wer weiß?  Vielleicht verändert die aktuelle Situation vieles auch schneller als gedacht.

Die aktuelle, etwas missliche Lage der Gastronomen, sowie der Druck seitens der Arbeitswelt, neue Arbeitsorte zu finden, könnte auch diese Bewegung weitaus schneller voranschreiten lassen, als oftmals vermutet. Dabei eröffnen sich viele Perspektiven. Während es bisher üblich war, klassische Anti-Café-Konzepte zu fahren, wäre es hierbei eine Möglichkeit seitens der Gastronomen, leere Sitzplätze an Arbeitende zu vermieten.

So könnte ein Anti-Café-Konzept auch neben dem normalen Tagesgeschäft etabliert werden und für höhere Auslastung sorgen. Gleichzeitig würden bereits in den Cafés arbeitende, zukünftig mehr Umsatz generieren und sich nicht mehr an ihrem Café für 3,50 € zwei Stunden lang festhalten können. Denn dass sich das nicht rechnen kann, ist an wohl jedem klar. Doch möchte man ein Konzept wie in den USA, in der es zu den Speisen Zeitbegrenzungen für die jeweiligen Sitzplätze und klare Platzierungsregeln gibt?

Da wäre ein Konzept, bei dem bezahlt wird, für die Zeit die man dort verbringt, wohl doch entschieden angenehmer.

Du bist Arbeitnehmer oder Freelancer und würdest zukünftig gerne in einem von uns ausgewählten Anti-Cafés arbeiten.

Oder du bist Gastronom und würdest gerne ein solches Konzept bei dir etablieren ?

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